Abstrakt oder konkret: Wie lassen sich Vorurteile durch eine geeignete Wortwahl reduzieren?

Kevin Winter
Leibniz-Institut für Wissensmedien, Tübingen
Schlagwörter Inhalt: Sprache, Stereotype, Vorurteile
Schlagwörter Zielgruppe: Politik, Medien, alle Bürger*innen

Eine erfolgreiche Integration von Geflüchteten setzt voraus, dass die einheimische Bevölkerung ihnen unvoreingenommen gegenübertritt. Bei vielen Einheimischen ist das Bild von Geflüchteten aber geprägt von Vorurteilen und nicht von tatsächlichem Wissen. Dieser Beitrag befasst sich damit, wie Vorurteile gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen (z. B. Geflüchteten) durch unseren Sprachgebrauch aufrechterhalten, aber auch reduziert werden können.  

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Wie können Vorurteile abgebaut werden?

Als Vorurteile werden in der Sozialpsychologie negative Einstellungen gegenüber einer Gruppe bzw. deren Mitgliedern bezeichnet. Sie basieren auf den Überzeugungen, die wir bezüglich der Eigenschaften dieser Gruppe haben, also unseren Stereotypen[1]. Direkter Kontakt zwischen Gruppen ist sicher einer der vielversprechendsten Wege zum Abbau von Vorurteilen[2] (siehe dazu auch den Beitrag zur Frage „Wie kann persönlicher Kontakt hergestellt und zum Vorurteilsabbau genutzt werden?“). Allerdings stehen dem direkten Kontakt oft sowohl physikalische (z.B. räumliche Entfernung) als auch psychologische (z.B. Angst vor der Fremdgruppe) Hindernisse im Weg[3]. Doch wie lassen sich Vorurteile abbauen ohne direkt mit Mitgliedern der betreffenden Gruppe in Kontakt zu treten? Hier spielen Informationen, die wir von anderen erhalten – z. B. von Freunden, aus den Medien oder sozialen Netzwerken – eine zentrale Rolle. Was wir beispielsweise über Geflüchtete lesen und hören, hat nämlich einen entscheidenden Einfluss darauf, welchen Eindruck wir von dieser Personengruppe haben; also auch auf unser Stereotyp. Ein wichtiger Faktor, der zur Veränderung von Stereotypen und somit der Verringerung von Vorurteilen beitragen kann, ist die verwendete Wortwahl und auf welche Weise das Verhalten von Geflüchteten beschrieben wird[4].

Wann setzen wir abstrakte, wann konkrete Formulierungen ein?

Wenn wir das Verhalten von Personen beschreiben, bedienen wir uns systematisch bestimmter Sprachformen, z. B. abstrakter oder konkreter Formulierungen. Als abstrakt gilt beispielsweise die Verwendung von Adjektiven oder Substantiven zur Charakterisierung einer handelnden Person. Konkrete Beschreibungen von Verhaltensweisen enthalten hingegen Verben[5][6]. Welche Formulierungen wir wählen hängt davon ab, ob die handelnde Person Mitglied der eigenen Gruppe (z. B. Einheimische) ist oder Mitglied einer fremden Gruppe (z. B. Geflüchtete). Wenn ein Fremdgruppenmitglied positives Verhalten ausführt, beschreiben wir dies auf relativ konkrete Art und Weise (z. B. „Ein Geflüchteter mähte den Rasen der alten Dame“). Wird dasselbe Verhalten von einem Eigengruppenmitglied ausgeführt, beschreiben wir es jedoch abstrakter (z. B. „Ein Einheimischer war hilfsbereit zu der alten Dame“). Genau andersherum ist es bei negativem Verhalten. Wenn sich ein Fremdgruppenmitglied negativ verhält, wählen wir meistens relativ abstrakte Beschreibungen (z. B. „Ein Geflüchteter war aggressiv gegenüber der alten Dame“). Wird dasselbe negative Verhalten von einem Eigengruppenmitglied ausgeführt, wird es hingegen eher konkret beschrieben (z. B. „Ein Einheimischer schrie die alte Dame an“)[7]. Dieser verzerrte Sprachgebrauch hat einen entscheidenden Einfluss darauf, was wir anschließend von der handelnden Person oder sogar von deren Gruppe denken.

Welche unterschiedlichen Signale senden abstrakte und konkrete Formulierungen aus?

Auch wenn das zugrundeliegende beschriebene Verhalten dasselbe ist, drückt die konkrete oder abstrakte Beschreibung unterschiedliche Erwartungen des Senders aus, was einen Einfluss auf den Empfänger hat. Wir neigen dazu, erwartetes Verhalten abstrakter (mit Adjektiven oder Substantiven) zu formulieren als unerwartetes Verhalten. Diese Erwartungen werden auch von unserem Kommunikationspartner wahrgenommen. Durch die abstrakte Beschreibung wird positives Verhalten von Fremdgruppenmitgliedern häufig als Ausnahme interpretiert. Die konkrete Beschreibung „Ein Geflüchteter mähte den Rasen der alten Dame“ könnte ja auf viele äußere Einflussfaktoren zurückzuführen sein; z. B., weil er oder sie dafür bezahlt wurde. Die konkrete Beschreibung hat also wenig Aussagekraft über den Charakter und das zukünftige Verhalten der Person. Hingegen wird aus abstrakten Beschreibungen wie „Ein Geflüchteter war aggressiv gegenüber der alten Dame“ eher geschlussfolgert, dass es sich um eine stabile Eigenschaft der Person handelt, die in ihrer Gruppenmitgliedschaft begründet liegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die beschriebene Person sich nochmal so verhält, erscheint also relativ hoch. Der selektive Gebrauch von abstrakten und konkreten Formulierungen kann dazu führen, dass Stereotype bestehen bleiben und im schlimmsten Falle Vorurteile verstärkt werden[8].

Wie können wir durch unsere Wortwahl Vorurteile reduzieren?

Ebenso wie wir mit abstrakter und konkreter Sprache Stereotype aufrechterhalten können, lassen sich  diese Mechanismen aber auch strategisch einsetzen, um Vorurteile zu verringern. Wenn abstrakte Formulierungen größere Rückschlüsse über den Charakter einer Person zulassen, dann könnten wir sie einsetzen, um positives Verhalten von Geflüchteten zu beschreiben. Damit drücken wir nicht nur unsere eigenen positiven Erwartungen bezüglich des Verhaltens aus, sondern können bei unserem Gegenüber auch ein positiveres Bild der beschriebenen Gruppe erzeugen. Genauso kann ein gezielter Einsatz von konkreten Verhaltensbeschreibungen hilfreich sein. Wenn wir negatives Verhalten von Geflüchteten mit konkreten Formulierungen beschreiben, dann drücken wir damit aus, dass wir dieses Verhalten nicht erwartet haben. Unser Gegenüber hätte somit den Eindruck, dass weniger die Person oder ihre Gruppenzugehörigkeit für das Verhalten ausschlaggebend waren, sondern vielmehr situative Umstände. So kann es gelingen, negative Verhaltensweisen einzelner Geflüchteter nicht auf das Stereotyp der gesamten Gruppe überspringen zu lassen. Insgesamt sollten wir uns im Alltag also bewusst sein, dass sowohl unser eigener Sprachgebrauch als auch die Formulierungen, die von anderen – z. B. Politikern und Journalisten –  benutzt werden, Vorurteile gegenüber Geflüchteten reduzieren oder aufrechterhalten können.

 

[1]Dovidio, J. F., Hewstone, M., Glick, P., Esses, V. M. (2010). Prejudice, stereotyping and discrimination: Theoretical and empirical overview. In J. F. Dovidio, M. Hewstone, P. Glick, & V. M. Esses (Eds.), SAGE handbook of prejudice, stereotyping, and discrimination (pp. 3-28). Thousand Oaks, CA: SAGE.

[2]Lemmer, G., & Wagner, U. (2015). Can we really reduce ethnic prejudice outside the lab? A meta-analysis of direct and indirect contact interventions. European Journal of Social Psychology, 45, 152-168.

[3]Binder, J., Zagefka, H., Brown, R., Funke, F., Kessler, T., Mummendey, A., Maquil, A., Demoulin, S., & Leyens, J. (2009). Does contact reduce prejudice or does prejudice reduce contact? A longitudinal test of the contact hypothesis among majority and minority groups in three European countries. Journal of Personality and Social Psychology, 96, 843-856.

[4]Beukeboom, C. J. (2014). Mechanisms of linguistic bias: How words reflect and maintain stereotypic expectancies. In J. Laszlo, J. Forgas, & O. Vincze (Eds.), Social Cognition and Communication (pp. 313-330). New York, NY: Psychology Press.

[5]Semin, G. R., & Fiedler, K. (1988). The cognitive functions of linguistc categories in describing persons: Social cognition and language. Journal of Personality and Social Psychology, 54, 558-568.

[6]Carnaghi, A., Maass, A., Gresta, S., Bianchi, M., Cadinu, M., & Arcuri, L. (2008). Nomina sunt omina: On the inductive potential of nouns and adjectives in person perception. Journal of Personality and Social Psychology, 94, 839-859.

[7]Maass, A. (1999). Linguistic intergroup bias: Stereotype perpetuation through language. Advances in Experimental Social Psychology, 31, 79-121.

[8]Wigboldus, D. H. J., Semin, G. R., & Spears, R. (2000). How do we communicate stereotypes? Linguistic bases and inferential consequences. Journal of Personality and Social Psychology, 78, 5-18.

Bitte zitieren als: Winter, Kevin. (2018). Abstrakt oder konkret: Wie lassen sich Vorurteile durch eine geeignete Wortwahl reduzieren? Online abrufbar unter http://www.fachnetzflucht.de/abstrakt-oder-konkret-wie-lassen-sich-vorurteile-durch-eine-geeignete-wortwahl-reduzieren

Online veröffentlicht am: 12.07.2018