Autoritäre Einstellungen und Diskriminierung: Wie Kontakt mit Ausländer*innen auch für (einige) Migrationsgegner*innen positive Wirkung zeigen kann

Claas Pollmanns
Technische Universität Chemnitz
Schlagwörter Inhalt: Einstellungen, Persönlichkeit, Autoritarismus, Kontakt, Vorgestellter Kontakt
Schlagwörter Zielgruppe: Ehrenamtler*innen, Koordinator*innen, Entscheidungsträger*innen, Sozialarbeiter*innen

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Häufig begegnen wir Gegner*innen von Einwanderung oder Veränderungsprozessen in der Gesellschaft im Rahmen von Informationsveranstaltungen oder Bürgerversammlungen – aber auch in der Familie und in Bekanntenkreisen kann es zu grundlegenden Meinungsverschiedenheiten kommen, wenn das Thema Flucht und Migration angesprochen wird. Nicht selten können hierbei die Grenzen zwischen Kritik an Migrationspolitik mit fremdenfeindlichen Positionen schnell verwischt werden. Aber was eint Migrationsgegner*innen und fremdenfeindliche Personen und wie können wir mit diesen Personen ein positives Gespräch über das Thema Migration aufbau-en?

In der sozialpsychologischen Forschung haben sich autoritäre Einstellungen als bester Indikator für Vorurteile, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit oder Bedrohungswahrnehmung durch Fremdgruppen (um nur einige Felder zu nennen) herausgestellt. In vielen Fällen können wir also davon ausgehen, dass fremdenfeindliche oder diskriminierende Personen auch autoritäre Tendenzen aufweisen. Autoritarismus als Phänomen wurde als erstes von Theodor W. Adorno in der sozialpsychologischen Forschung durch die F-Skala (Faschismus-Skala) eingeführt, mit dem Adorno und seine Kolleg*innen die psychologischen Entstehungsbedingungen des Dritten Reichs zu erklären versuchten[1]. Während Adorno und seine Mitstreiter*innen jedoch noch davon ausgingen, dass es sich um eine „Autoritäre Persönlichkeit“ handelt – also um unveränderbare Persönlichkeitseigenschaften einer Person, bei der die Vaterrolle und die Sozialisation in der Familie eine zentrale Funktion haben – wird heute eher davon ausgegangen, dass es sich um eine erworbene Einstellung handelt – und nicht um eine Persönlichkeitseigenschaft – die das Verhalten von Personen beeinflusst[2]. Der Unterschied besteht darin, dass Einstellungen durch Sozialisation oder soziale Kontexte erworben werden und damit auch veränderbar sind. So können äußere Ereignisse wie Bedrohung autoritäre Einstellungen verstärken[3]. Persönlichkeitseigenschaften im psychologischen Sinne hingegen sind zum Teil genetisch bedingt und lassen sich daher schwieriger beeinflussen.

Was macht Autoritäre aus?

Das Verhalten von Autoritären folgt im täglichen Miteinander den nachstehenden zwei Merksätzen: Zum einen folgen sie dem sogenannten Radfahrer-Prinzip: „Nach oben buckeln und nach unten treten“. Autoritäre folgen häufiger den Meinungen akzeptierter Autoritäten wie Politiker*innen, Meinungsvertreter*innen oder Vorgesetzten und hinterfragen die Aussagen akzeptierter Autoritäten weniger. Diese Eigenschaft wird als autoritäre Unterwerfung bezeichnet. Darüber hinaus treten Autoritäre häufig sanktionierend oder diskriminierend gegenüber Personen auf, die nicht ihrer Norm entsprechen bzw. ihre gewohnte Lebensweise bedrohen. Zu diesen Personengruppen zählen zum Beispiel Migrant*innen, Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen oder Menschen mit Behinderungen. Bei dieser Eigenschaft wird von autoritärer Aggression gesprochen. Zuletzt legen Personen mit autoritären Einstellungen größeren Wert auf Traditionen und traditionelle Werte als Personen mit niedrigen autoritären Einstellungen. Man spricht dabei von Konventionalismus[4].

Als zweiten Merksatz zu autoritären Personen lässt sich aufstellen, dass Autoritäre „die Welt als gefährlichen Ort wahrnehmen“, und wir als Gesellschaft oder Gruppe in dieser Welt nur bestehen können, wenn wir als Gruppe zusammenhalten. Der starke Bezug zur Eigengruppe (z.B. den Deutschen) und der Identifikation mit ihren Werten und Normen lässt sich dabei beobachten. Ebenso in dem Merksatz enthalten ist das starke Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung – Autoritäre sind häufig diejenigen, die mehr Sicherheitsmaßnahmen durch Staat und Polizei oder auf Bürgerinformationsveranstaltungen mehr Wachpersonal in Unterkünften für Geflüchtete fordern[5].

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Autoritäre häufig Ruhe, Routinen und Traditi-onen an Stelle eines abenteuerlichen und er-eignisreichen Lebens bevorzugen.

Was können Sie tun, um den Gruppenkontakt von Autoritären zu erhöhen und Vorurteile bei Autoritären zu reduzieren?

Was können Sie jedoch tun, wenn Sie in ihrer Arbeit mit autoritären Personen auseinandersetzen müssen oder merken, dass Gesprächspartner*innen autoritäre Einstellungen besitzen? Die Forschung zu Kontakt mit Fremdgruppen hat gezeigt, dass positiver Kontakt zwischen Personen unterschiedlicher Gruppen fast ausnahmslos Vorurteile und Einstellungen gegenüber der Fremdgruppe reduziert[6]. Dieser Effekt findet sich besonders bei Personen mit höheren Ausprägungen in Autoritarismus[7]. Dies ist erstaunlich, da die grundlegende Strategie von Autoritären darin besteht, Kontakt zu Fremdgruppen zu meiden und nicht aus eigener Motivation in Kontakt mit Fremdgruppen treten.

Die positiven Effekte von Intergruppenkontakt wirken vor allem über längere Gewöhnungsprozesse – so lässt sich in Wohngebieten mit hohem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund nachweisen, dass Autoritäre nach einiger Zeit vermehrt Kontakte zu Mitgliedern der Fremdgruppe aufbauen[8],[9]. Die Sozialpsychologie spricht hier davon, dass Kontakt zur Fremdgruppe zur neuen Norm geworden ist. Sprich: es ist normal geworden, sich mit Menschen mit Migrationshintergrund zu unterhalten oder mit ihnen befreundet zu sein – in solchen Kontexten ist es auch für Autoritäre normal, Kontakte zu dieser Fremdgruppe aufrecht zu halten. Diese Prozesse durch niedrigschwellige Kontaktmöglichkeiten zu unterstützen, kann eine Chance für Nachbarschaften sein.

Der Weg zu mehr Kontakt zu Ausländer*innen von Autoritären kann jedoch lang und schwierig sein. Es zeigt sich aber in der Forschung, dass bereits der indirekte Kontakt Ausländer*innen (also Freunde oder Angehörige der Person, die Kontakt oder Freundschaften zu Migrant*innen pflegen und davon positiv berichten) oder anderen Minderheiten eine Verminderung der Vorurteile bei Autoritären hervorrufen kann[10]. Eine Strategie kann also sein, Ihre autoritären Gesprächspartner*innen daran zu erinnern, dass Bekannte oder Familienmitglieder bereits Freunde in der Fremdgruppe gefunden haben – wenn diese Personen bereits gute Erfahrungen gemacht haben, dann können „die Anderen“ ja gar nicht so schlimm sein, oder?

Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass bereits der vorgestellte positive Kontakt mit Ausländer*innen kurzfristig zu einer Verminderung der negativen Einstellungen gegenüber Fremdgruppenangehörigen führen kann – auch bei Autoritären[11]. Vielleicht könnten Sie das ja als ein kleines Experiment versuchen!

„Für eine Minute, denken Sie doch einmal an eine Situation, in der Sie einer ausländischen oder geflüchteten Person zum ersten Mal in Deutschland begegnen. Stellen Sie sich vor, dass Sie sich mit der Person unterhalten. Stell Sie sich vor, dass das Gespräch sehr angenehm ist und Sie einige sehr interessante Details über diese Person erfahren.“ [11](Asbrock et al., 2013, S. 406)

Schlussendlich lässt sich festhalten, dass autoritäre Personen vor allem durch positiven (direkten, vorgestellten sowie erweiterten) Intergruppenkontakt davon überzeugt werden können, dass mit Migrant*innen und Geflüchteten eine gute Nachbarschaft und bereichernde Freundschaften möglich sind. Dies wird für Autoritäre jedoch nicht von heute auf morgen passieren, da sie eine gewisse Eingewöhnungs- und Anpassungszeit benötigen. Laden Sie also Ihre Mitmenschen immer wieder ein, an kurzen und niederschwellige Kontaktangeboten teilzunehmen, in denen positiver Kontakt zwischen den Gruppen herrscht: dies können zum Beispiel Nachbarschaftsfeste, Grillabende mit einer multikulturellen Hausgemeinschaft sein, oder Elterntreffen im Sportverein der Kinder. Positiver Kontakt hilft. Und bedenken Sie, dass dieselben autoritären Einstellungen auch auf Seite der Migrant*innen existieren können, die den Intergruppenkontakt erschweren können.

[1]Adorno, T. W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J., & Sanford, N. (1950). The authoritarian personality. New York: Harper.

[2]Altemeyer, B. (1981). Right-wing authoritarianism. Winnipeg: University of Manitoba Press.

[3]Jugert, P., & Duckitt, J. (2009). A Motivational Model of Authoritarianism: Integrating Personal and Situational Determinants. Political Psychology, 30, 693–719.

[4]Cohrs, J. C., & Asbrock, F. (2009). Right-wing authoritarianism, social dominance orientation and prejudice against threatening and competitive ethnic groups. European Journal of Social Psychology, 39, 270–289.

[5]Cohrs, J. C. (2005). The Motivational Bases of Right-Wing Authoritarianism and Social Dominance Orientation: Relations to Values and Attitudes in the Aftermath of September 11, 2001. Personality and Social Psychology Bulletin, 31, 1425–1434.

[6]Pettigrew, T. F., & Tropp, L. R. (2006). A meta-analytic test of intergroup contact theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90, 751–783.

[7]Dhont, K., & Van Hiel, A. (2009). We must not be enemies: Interracial contact and the reduction of prejudice among authoritarians. Personality and Individual Differences, 46, 172–177.

[8]Asbrock, F., Christ, O., Duckitt, J., & Sibley, C. G. (2012). Differential Effects of Intergroup Contact for Authoritarians and Social Dominators: A Dual Process Model Perspective. Personality and Social Psychology Bulletin, 38, 477–490.

[9]Brune, A., Asbrock, F., & Sibley, C. G. (2016). Meet Your Neighbours. Authoritarians Engage in Intergroup Contact When They have the Oppor-tunity: Authoritarianism and intergroup contact. Journal of Community & Applied Social Psychology, 26, 567–580.

[10]Dhont, K., & Van Hiel, A. (2011). Direct contact and authoritarianism as moderators between extended contact and reduced prejudice: Lower threat and greater trust as mediators. Group Processes & Intergroup Relations, 14, 223–237.

[11]Asbrock, F., Gutenbrunner, L., & Wagner, U. (2013). Unwilling, but not unaffected – Imagined contact effects for authoritarians and social dominators: RWA, SDO, and imagined contact. European Journal of Social Psychology, 43, 404–412.

Weitere Leseempfehlung
Seipel, C., Rippl, S., & Kindvater, A. (2015): Autoritarismus in: Zmerli, S., & Feldman, O. (Hrsg.). Politische Psychologie: Handbuch für Studium und Wissenschaft. Baden-Baden: Nomos.

Veröffentlicht am 12.09.2018