Die Bedeutung von Kriegs- und Fluchttrauma: Wie kann auf sozialer und kommunal-politischer Ebene die Dynamik von Trauma durchbrochen werden?

Dr. Pia Andreatta
Universität Innsbruck
Keywords Inhalt: kommunale Versorgung, Politik, Traumaversorgung
Keywords Zielgruppe: Entscheidungsträger*innen, Leitungen der Unterkünfte, Beschäftigte von Behörden/Verwaltungen, gemeinnützige Organisationen, Kommunal-, Landes- und Bundespolitik

Ziel des Beitrages ist das Aufzeigen positiver Einflussmöglichkeiten auf Kriegs- und Fluchttraumatisierung auf sozialer und politischer Ebene. Insbesondere Traumatisierungen durch Krieg und Flucht beinhalten stets eine politische Komponente und der soziale Umgang mit Trauma ist eine wesentliche Voraussetzung für die Erholung von Traumafolgen. Die wissenschaftliche Basis dieses Beitrages bilden Forschungserkenntnisse, dass „der Umgang mit den Verbrechen […] oft bedeutsamer für die Verarbeitung und Gesundheitsperspektive des Opfers ist, als Schweregrad der Traumatisierung“[1][2][3].

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Bedeutung der Traumatisierung durch Krieg und Flucht

Trauma umfasst den Verlust der Beeinflussbarkeit einer existentiell bedrohlichen Situation durch eigenes Handeln. Dies führt zu Gefühlen der Ohnmacht, Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins. Diese Erfahrungen wirken nachhaltig auf das Individuum ein. Trauma ist jedoch wesentlich komplexer zu verstehen, als dies klinische Symptome in der Folge von Trauma suggerieren. Anders formuliert, das Sprechen vom Trauma ist nicht nur Sprechen von „Traumasymptomen“, sondern von Politik. Traumatisches Geschehen vollzieht sich in einem spezifischen politischen Kontext, mit Becker formuliert: „Das individuelle Leid […] ist zuallererst Teil eines gesellschaftlichen Prozesses. Der Kern der Traumatisierungen ist immer ein sozialer […] und insofern auch die erlittene Traumatisierung Teil eines spezifischen gesellschaftlichen Kontextes“[1]. In diesem Zusammenhang möchten wir den Begriff des Sequenziellen, des sequenziellen Verstehens[4], einführen. Gemeint ist damit, dass nicht von einer Traumatisierung gesprochen werden kann, sondern von eine Reihe belastender und traumatisierender Ereignisse wie struktureller Einflüsse, denen geflüchtete Menschen ausgeliefert waren und die unter Umständen als noch nicht beendet betrachtet werden müssen. Diese traumatische Sequenz kann bei Geflüchteten zum Beispiel folgendermaßen aussehen:

  • Bereits vor den eigentlichen traumatisierenden Ereignissen liegen häufig Entwicklungen wie anhaltende politische Spannungen oder strukturelle Formen von Armut (z.B. Ausgrenzung einer Ethnie) vor, die zu Beklemmung, Bedrückung und Angst führen. Erst wenn der Konflikt eskaliert, akute Verfolgung und direkter Terror Platz greifen, erst dann findet die existenzielle traumatische Erfahrung statt. Diese kann im eigenen Erleben oder im Beobachten von Verhaftung, Folter und Mord bestehen. Der Moment des traumatischen Zusammenbruches ist schwer festzulegen und individuell unterschiedlich. An dieser Stelle der Sequenz setzt Binnenflucht ein, die meist eine Unterbringung in IDP-Camps (Internally Displaced Persons) zur Folge hat.
  • Die Zeit vor der Flucht beispielsweise nach Europa ist von widersprüchlichen Emotionen geprägt, von Verzweiflung und Hoffnung, Alternativlosigkeit und schließlich von einem inneren Aufgeben und Akzeptieren von Flucht als einzigem Ausweg. In dieser Sequenz wirken die Belastungen aber auch bereits Traumafolgen häufig nachhaltig und man könnte sagen emotional „anhaltend“. Selbst die Entscheidung und die Erfahrung der Alternativlosigkeit bergen traumatisches Potenzial in sich.
  • Die Flucht selbst, insbesondere auch bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF), dauert oft Wochen und Monate und bedeutet, (lebens-)gefährlichen Bedingungen ausgesetzt zu sein. Gerade junge Menschen werden während der Flucht zu Opfern von Gewalt und Missbrauch.
  • Die Ankunft im Aufnahmeland beinhaltet häufig eine weitere Chronifizierung, die der „Vorläufigkeit“. Die Formulierung eines UMF bringt dies auf den Punkt: „Hier werden wir alle zu Steine“. Trotz des Schocks, alles verloren zu haben, muss jetzt die Stärke aufgebracht werden, ein Ziel anzusteuern: Anpassung, Integration, Erhalt eigener und Annahme neuer kultureller Identitäten stellen in mehrfacher Hinsicht Herausforderungen dar und werden von den Aufnahmeländern zudem erwartet. Zu den Belastungsfaktoren im Aufnahmeland werden jetzt Ungewissheit über Gegenwart und Zukunft, Akkulturationsstress und Stigmatisierung (positive wie negative Diskriminierung). Hinzu kommen Trauer- und Traumareaktionen wie Flashbacks oder Albträume, Entfremdungsgefühle und Schuldgefühle.

Den Zusammenhang zwischen Flucht und der Situation der „Vorläufigkeit“ beschreiben wir im Folgenden: Die traumatisierenden Strukturen setzen sich so lange fort, wie die Geflüchteten in der Situation bleiben (müssen), also nicht selbst handeln oder Entscheidungen treffen zu können. Die Situation der existenziellen Einengung, Ausweglosigkeit und Bedrohung wiederholen sich: die Geflüchteten erleben aufenthaltsrechtliche Unsicherheit, strapazierende Verfahren von unklarer Dauer und unsicherem Ausgang. Sie beobachten, wie andere Geflüchtete abgeholt und abgeschoben werden[5]. Sie erfahren prekäre Versorgungssituationen, oft überfüllte Einrichtungen und unzureichende hygienische Bedingungen. Hinzu kommen Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen von Flüchtlingen. Insgesamt wird ihre Anwesenheit gesellschaftlich als Belastung betrachtet oder als unerwünscht. Aufgrund all dieser Aspekten kann – im Sinne des Verständnisses von Trauma als Dynamik – noch nicht von einem Ende der psychischen Trauma(-ein-)wirkung gesprochen werden.

Wie können wir auf sozialer und politischer Ebene diese Dynamik von Trauma durchbrechen?

Soziale und politische Aspekte können umgekehrt aber auch positive Einflüsse auf die Erholung von Trauma folgen haben. Zwei Aspekte erscheinen uns dabei zentral: Traumatisierung durch Flucht und Krieg kann durch die Bereitstellung von als sicher empfundenen Alltagsstrukturen „eingegrenzt“ werden. Und: Der soziale Umgang mit den erlittenen Traumatisierungen hat einen wesentlichen Einfluss auf die Erholung und Verarbeitung von Trauma. Für die „Übersetzung“ in die Praxis einige Beispiele und Überlegungen:

Sicherheit und emotionale Stabilisierung können über (gemeinsam geteilte) Alltagsroutinen und dem Ermöglichen von Beteiligung und Mitwirkung erfolgen. Dies erfordert die aktive Gestaltung von Strukturen unter dem Blickwinkel der Transparenz und Regelmäßigkeit. Dies kann dem traumatisierenden Gefühl des Ausgeliefertseins etwas entgegensetzen: Das Einbeziehen der Geflüchteten in Planungsprozesse, das Ermöglichen von Handlungsentscheidung unterstützt den Erholungsprozess. Je nach Bereich und Organisation gilt die Suche nach Möglichkeiten, um dem bloßen Verwahren der Geflüchteten zu entkommen. Umgekehrt jedoch, wenn die Geflüchteten stattdessen zur Integration gedrängt werden und aufgefordert werden, aktiv gegen ihr Schicksal zu kämpfen, wird ihnen diese Freiheit nicht gelassen. Vielmehr werden sie wieder in eine Situation geworfen – und das Gefühl des Ausgeliefertseins kann sie wieder einholen. Es ist Vorsicht geboten, denn hinter diesen Forderungen „Integration sofort“ kann sich eine neue Form von repressivem Handeln verbergen, ein Anpassungsdruck in einer Situation der Unsicherheit. Wird hingegen die „Möglichkeit“ eines sozialen Miteinanders ungenutzt gelassen, werden Frustration, Isolation, aber auch Depression und Aggression weiter verstärkt.

Der Chronifizierung des Vorläufigen kann jede Instanz und Einrichtung entgegenwirken: Rechtsberatung, Sozialberatung, psycho-soziale Zentren. Diese Einrichtungen tragen die Hauptlast der Schnittstellenarbeit und Vernetzung. Es geht um Informationen über die rechtlichen Abläufe, Wartezeiten, Unterstützungen, dem Schaffen von Orten der Kommunikation, der Sicherung von Alltagsbedürfnissen und der Orientierung über Infrastruktur. All dieses Wissen reduziert nicht nur Unsicherheiten und stabilisiert, es hilft in jedem Fall Trauma einzugrenzen. Die infrastrukturelle und soziale Unterstützung von Familien v.a. auch durch ihre unmittelbare soziale Umgebung, ist wesentlich. Dies können gemeinsame, kommunale Projekte sein, in denen das Wissen, die Ressourcen, die die Geflüchteten mitbringen, sinnvoll eingebracht werden können. Der Kreativität der Helfer*innen und der Geflüchteten sollten keine unnötigen bürokratischen Hürden entgegengebracht werden.

Zentral für die Eindämmung und Beendigung traumatisierender Strukturen ist also zusammenfassend, das Ermöglichen von Entscheidungs- und Handlungsräumen zur Übernahme von Kontrolle, Beeinflussbarkeit und (Mit-)Bestimmung. Die (re-)traumatisierenden Strukturen zu reduzieren lohnt sich.

 

[1] vgl. hierfür: Becker, D. (2009). Die Schwierigkeit, massives Leid angemessen zu beschreiben und zu verstehen. Traumakonzeption, gesellschaftlicher Prozess und die neue Ideologie des Opfertums. In A. Karger, Trauma und Wissenschaft (S. 61-91). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

[2] Fischer, G., & Riedesser, P. (2009). Lehrbuch der Psychotraumatologie (4. Aufl.). München: E. Reinhardt.

[3] Stamm, H., & Friedman, M. (2000). Cultural Diversity in the Appraisal and Expression of Trauma. In Shalev, Yehuda, & McFarlane, International Handbook of Human Response to Trauma (S. 69-85). New York: Kluwer Academic/ Plenum Publishers.

[4] Keilson, H. (2005). Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Gießen: Psychosozial

[5] Zito, D. & Martin, E. (2016) Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen. Weinheim u.a.: Beltz Juventa.