„Die sind doch alle gleich!“ – Warum geflüchtete Menschen oft als homogene Gruppe betrachtet werden und welche Maßnahmen zu einer individuelleren Wahrnehmung beitragen können

Karolina Fetz
Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM), Humboldt-Universität zu Berlin
Keywords Inhalt: Fremdgruppenhomogenität, wahrgenommene Heterogenität, Stereotype, Vorurteile, Diskriminierung
Keywords Zielgruppen: Ehrenamtler*­in­nen, Sozialarbeiter*innen, Verwaltung, Bildungs­ein­rich­tun­gen, Politik, Medien

Menschen unterscheiden zwischen Eigengruppen, denen sie selbst angehören, und Fremdgruppen, denen sie nicht angehören. Psycholog*innen haben herausgefunden, dass Fremdgruppenmitglieder oft als einander ähnlicher (homogener) wahrgenommen werden als Eigengruppenmitglieder. Dadurch verstärken sich Vorurteile gegenüber Mitgliedern einer Fremdgruppe, wie etwa Geflüchteten, und es kommt häufiger zu Stereotypisierungen und Diskriminierung. Am Beispiel von Geflüchteten stellt der Beitrag verschiedene Maßnahmen zum Abbau einer zu homogenen Wahrnehmung von Fremdgruppen vor.

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In der Politik, den Medien und auch in alltäglichen Gesprächen wird über Geflüchtete vielfach sehr verallgemeinernd gesprochen[1], so als handele es sich um eine einheitliche Gruppe von Personen. Dies ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie divers diese Gruppe ist, sind es schließlich Frauen, Männer, alleinstehende Personen, Familien, Jüngere und Ältere, minderjährige Kinder und Jugendliche, Personen aus unterschiedlichsten Herkunftsregionen, mit unterschiedlichen Gründen für ihre Flucht, mit unterschiedlichem Bildungsstand und unterschiedlichen Berufen, unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten sowie Werten und Einstellungen[2]. Aber wie kommt es dazu, dass aus Perspektive der Mehrheitsgesellschaft Geflüchtete oft als homogene Gruppe wahrgenommen werden und was kann man tun, um einer solchen Vorstellung entgegenzuwirken?

Das Phänomen der „homogenen Anderen“

Eine einseitige Vorstellung von bestimmten Gruppen lässt sich zunächst auf einen grundlegenden Prozess des menschlichen Denkens zurückführen, der sozialen Kategorisierung[3][4]. Menschen verfügen nur über begrenzte kognitive Kapazitäten, um mit ihrer komplexen sozialen Welt zurechtzukommen. Deshalb teilen sie Personen vereinfachend in kleinere (z.B. nach Zugehörigkeit zu einem Sportverein oder einer Berufsgruppe) und auch größere soziale Kategorien (z.B. dem Geschlecht oder der nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit) ein. Solche Kategorisierungen bilden die Grundlage für die soziale Identität, die die Zugehörigkeiten zu den Gruppen beinhaltet, mit denen sich eine Person identifiziert[5]. So kann sich jemand gleichzeitig beispielsweise als Frau, Deutsche, Europäerin, Juristin, Feministin und Fußballspielerin sehen. Mit diesem Zugehörigkeitsgefühl zu einem ‚Wir‘ in Bezug auf bestimmte Gruppen geht aber spiegelbildlich auch eine Abgrenzung von anderen Gruppen einher: Als Ergebnis eines Kategorisierungsprozesses steht also immer ein ‚Wir‘ (die Eigengruppe bzw. In-group) ‚den Anderen‘ (der Fremdgruppe bzw. Out-group) gegenüber. In Zusammenhang mit der aktuellen Fluchtmigration kann soziale Kategorisierung somit auch zur Schaffung eine Trennlinie zwischen dem ‚Wir‘ einer deutschen Mehrheitsgesellschaft und den Geflüchteten als ‚den Anderen‘ beitragen.

Eng mit diesen Kategorisierungsprozessen verbunden ist, dass Menschen dazu neigen, eine Fremdgruppe als homogener wahrzunehmen als die Eigengruppe. Während also die eigene Gruppe (z.B. ‚wir Deutschen‘) eher als eine Zusammensetzung unterschiedlicher Individuen betrachtet wird, erscheinen uns Personen, die wir der Fremdgruppe (z.B. ‚den Geflüchteten‘) zuordnen, einander sehr ähnlich. Für dieses gut dokumentierte Phänomen der wahrgenommenen Fremdgruppenhomogenität[6][7][8][9] (Out-group homogeneity effect) wurden unterschiedliche Erklärungen[10] angeführt: Unter anderem wird argumentiert, dass durch mangelnden Kontakt nur wenige Erinnerungen mit unterschiedlichen Personen einer Fremdgruppe im Gedächtnis abgespeichert sind und diese darum als homogener wahrgenommen wird. Auch wird angenommen, dass uns durch eine homogene Vorstellung von einer Fremdgruppe deren Verhalten besser vorhersagbar erscheint, was Ängste und Unsicherheiten im Umgang abmildern kann.

Problematisch ist eine homogene Wahrnehmung von Fremdgruppen (z.B. Geflüchteten) vor allem deshalb, weil sie dazu verleitet, sich in der Einschätzung von einzelnen Personen verstärkt auf Stereotype zu berufen (vgl. hierzu auch den Beitrag von Jenny Roth). Unterschiedliche Studien haben beispielsweise gezeigt, dass sich Personen mit einer sehr homogenen Wahrnehmung einer Fremdgruppe bei der Einschätzung einer Einzelperson aus dieser Gruppe eines stereotypen Urteils sicherer sind[11], sich eher auf das Stereotyp verlassen und weniger nach anderen Informationen suchen, die dieses Stereotyp entkräften könnten[12], und sich eher an Informationen erinnern, die ihrem Stereotyp dieser Gruppe entsprechen[13]. Im Gegensatz dazu führt eine heterogenere Wahrnehmung einer Fremdgruppe zu geringeren Vorurteilen und weniger diskriminierenden Handlungen[14][15][16]. Um Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Geflüchteten und davon ausgehender Diskriminierung entgegenzuwirken, ist es daher wichtig, eine zu einheitliche Vorstellung von geflüchteten Menschen abzubauen.

Welche Maßnahmen können einer undifferenzierten Vorstellung von Geflüchteten entgegenwirken?

Bislang wurden unterschiedliche Maßnahmen untersucht, die eine heterogene Wahrnehmung einer Fremdgruppe fördern können. Beispielsweise hat das Aufhängen eines Posters (z.B. in einer Schule oder einer öffentlichen Bibliothek), auf dem Araber*innen ganz unterschiedlich dargestellt und beschrieben wurden, zu einer deutlich differenzierteren Wahrnehmung dieser Gruppe und auch zum Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung geführt[16]. Zudem hat es sich als besonders effektiv herausgestellt, die Personen sowohl mit positiven als auch negativen Eigenschaften zu beschreiben, da eine einseitig positive Darstellung eher zu Abwehrreaktionen führte[17]. Diese Idee ist vor allem für Entwickler*innen öffentlicher Kampagnen, Medienmacher*innen aber auch für Politiker*innen, die sich in der Öffentlichkeit äußern, relevant: Es ist wichtig die Gruppe der Geflüchteten als heterogene Zusammensetzung ganz unterschiedlicher Individuen darzustellen, über sie als solche zu sprechen und dabei verallgemeinernde Aussagen zu vermeiden. Kampagnen (bspw. Fernseheinspieler), die letztendlich auf eine größere Akzeptanz von Geflüchteten in Deutschland abzielen, sollten auf eine realistische Darstellung von Heterogenität setzen und vor Augen führen, dass geflüchtete Menschen (genau wie Personen der deutschen Mehrheitsgesellschaft) vollkommen unterschiedlich sind und sowohl positive als auch negative Eigenschaften haben und Verhaltensweisen zeigen. Eine differenzierte öffentliche Kommunikation über Geflüchtete ist also ein erster Schritt, um eine heterogenere Wahrnehmung in der breiten Gesellschaft zu verankern.

Diese Idee lässt sich aber auch auf konkretere Kontexte übertragen und kann beispielsweise innerhalb von Informations- und Weiterbildungsangeboten umgesetzt werden, die von Sozialarbeiter*innen oder Akteur*innen der politischen Bildungsarbeit durchgeführt werden. Aufbauend auf Erkenntnissen sozialpsychologischer Experimente[14] könnten konkrete Übungen durchgeführt werden, in denen Teilnehmende beispielsweise gezielt über Unterschiede zwischen geflüchteten Personen nachdenken und sie benennen sollen. Aber auch innerhalb solcher Maßnahmen oder Veranstaltungen genutzte Informationsmaterialien (z.B. Broschüren oder Videoclips) können einer homogenen Wahrnehmung entgegenwirken, indem sie die Unterschiedlichkeit geflüchteter Personen (bspw. in Bezug auf Alter, Herkunft, Beruf, Einstellungen oder auch Fluchtgeschichten und –motive) herausstellen.

Neben solchen Maßnahmen trägt selbstverständlich persönlicher Kontakt mit Geflüchteten dazu bei, eine heterogenere und somit realistischere Vorstellung der Gruppe zu entwickeln (vgl. zum Einfluss von Kontakt auch den Beitrag von Patrick Kotzur). Daher ist es wichtig, Möglichkeiten zu positiven persönlichen Begegnungen zu schaffen, beispielsweise zwischen den Anwohner*innen in einem Ort und den Bewohner*innen einer dort angesiedelten Geflüchtetenunterkunft, die dazu beitragen können, dass die Anwohner*innen ganz unterschiedlichen geflüchteten Personen begegnen, die nicht den gängigen Stereotypen entsprechen, und potentielle Ängste im Umgang abgebaut werden[10][18]. Man könnte hierbei an organisierte Aktivitäten mit Anwohner*innen und Geflüchteten, z.B. Kaffee – und Diskussionsrunden, Sommer- oder Familienfeste, Ausflüge oder Sportveranstaltungen, denken. Auch politische Entscheidungsträger*innen können durch strukturelle Integrationsmaßnahmen dazu beitragen, die Gelegenheit für ein Miteinander von Geflüchteten und deutscher Mehrheitsbevölkerung zu schaffen – beispielsweise durch die dezentrale Bereitstellung von Wohnraum für Geflüchtete, durch die Erleichterung des Zugangs zum Arbeitsmarkt und durch gemeinsame Beschulung.

In der Tat haben Untersuchungen in unterschiedlichen Ländern gezeigt, dass Kontakte oder Freundschaften zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen – beispielsweise Hindus und Muslim*innen in Bangladesch[19], Katholik*innen und Protestant*innen in Nordirland [18], Italiener*innen und Immigrant*innen in Italien[20] und Muslim*innen und Nichtmuslim*innen in Großbritannien[21] – die wahrgenommene Homogenität der jeweiligen Fremdgruppe abbauen konnten. Es hat sich allerdings auch gezeigt, dass persönlicher Kontakt nicht zwangsläufig zu einer Verringerung der wahrgenommenen Homogenität führt, sondern nur dann, wenn Personen einerseits das gängige Stereotyp der Fremdgruppe widerlegen, aber gleichzeitig als typische Mitglieder der Fremdgruppe betrachtet werden, da sich der individuelle Kontakt sonst nicht auf die Wahrnehmung der Gruppe generell überträgt. [22] Wenn es also darum geht, die generelle Vorstellung über Geflüchtete zu verändern, ist es deshalb ratsam, Kontaktsituationen so zu gestalten, dass sie einerseits ganz individuelle Begegnungen mit unterschiedlichen geflüchteten Personen zulassen. Andererseits sollte aber auch (in Maßen) die Gruppenebene betont werden, um es zu ermöglichen, dass diese Begegnungen auch zu einer heterogeneren Vorstellung der Gruppe der Geflüchteten insgesamt führen.[23] Man könnte hierbei zum Beispiel an Formate denken, die als ‚interkulturelle Diskussionsrunden‘, oder ‚Kennenlerncafé mit Anwohner*innen und Geflüchteten‘ gerahmt werden, dann aber inhaltlich vor allem auf einen persönlichen Austausch setzen.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass eine homogene Vorstellung einer von vielen als fremd wahrgenommenen Gruppe wie Geflüchteten ein verbreitetes Phänomen ist, dem es allerdings entgegenzuwirken gilt, da es den Nährboden für die Anwendung von Stereotypen und Vorurteilen sowie Diskriminierung bildet. Dies kann einerseits durch eine differenzierte Kommunikation über geflüchtete Personen oder durch Maßnahmen, die Unterschiede zwischen geflüchteten Menschen herausstellen, erreicht werden. Andererseits trägt aber auch persönlicher Kontakt mit Geflüchteten zu einer individualisierten Wahrnehmung dieser Gruppe bei.

 

[1] Für einen Überblick über die öffentliche Debatte zu Flucht seit 2015 vgl. bspw. Hemmelmann, P., & Wegner, S. (2016). Flüchtlingsdebatte im Spiegel von Medien und Parteien. Ein Überblick. Communicatio Socialis, 49, 21-38.

[2] Brücker, Herbert, Rother, Nina und Schupp, Jürgen (Hrsg.). (2016). IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten: Überblick und erste Ergebnisse (IAB-Forschungsbericht Nr. 14). Nürnberg: IAB.

[3] Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Cambridge, Mass.: Addison-Wesley.

[4] Fiske, S. T., & Taylor, S. E. (2008). Social Cognition: From brains to culture. Boston: McGraw-Hill.

[5] Tajfel, H., & Turner, J. C. (1986). The social identity theory of intergroup behavior. In S. Worchel, & W. G. Austin (Hrsg.), Psychology of intergroup relations (S. 7–24). Chicago: Nelson-Hall.

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[7] Linville, P. W., Salovey, P., & Fischer, G. W. (1986). Stereotyping and perceived distributions of social characteristics: An application to ingroup-outgroup perception. In J. F. Dovidio & S. L. Gaertner (Eds.), Prejudice, discrimination and racism (pp. 165–208). Orlando, FL: Academic Press.

[8] Mullen, B., & Hu, L.-T. (1989). Perceptions of ingroup and outgroup variability: A meta-analytic integration. Basic and Applied Social Psychology, 10, 233–252.

[9] Quattrone, G. A. (1986). On the perception of a group’s variability. In S. Worchel & W. G. Austin (Eds.), Psychology of intergroup relations. Chicago: Nelson-Hall.

[10] Ostrom, T. M., & Sedikides, C. (1992). Out-group homogeneity effects in natural and minimal groups. Psychological Bulletin, 112, 536–552.

[11] Ryan, C. S., Judd, C. M., & Park, B. (1996). Effects of racial stereotypes on judgments of individuals: The moderating role of perceived group variability. Journal of Experimental Social Psychology, 32, 71–103.

[12] Ryan, C. S., Bogart, L. M., & Vender, J. P. (2000). Effects of perceived group variability on the gathering of information about individual group members. Journal of Experimental Social Psychology, 36, 90–101.

[13] Pendry, L. F., & Macrae, C. N. (1999). Cognitive load and person memory: The role of perceived group variability. European Journal of Social Psychology, 29, 925–942.

[14] Brauer, M., & Er-rafiy, A. (2011). Increasing perceived variability reduces prejudice and discrimination. Journal of Experimental Social Psychology, 47, 871–881.

[15] Er-rafiy, A., & Brauer, M. (2012). Increasing perceived variability reduces prejudice and discrimination: Theory and application. Social and Personality Psychology Compass, 6, 920–935.

[16] Er-rafiy, A., & Brauer, M. (2013). Modifying perceived variability: Four laboratory and field experiments show the effectiveness of a ready-to-be-used prejudice intervention. Journal of Applied Social Psychology, 43, 840–853.

[17] Brauer, M., Er-rafiy, A., Kawakami, K., & Phills, C. E. (2012). Describing a group in positive terms reduces prejudice less effectively than describing it in positive and negative terms. Journal of Experimental Social Psychology, 48, 757–761.

[18] Paolini, S., Hewstone, M., Cairns, E., & Voci, A. (2004). Effects of direct and indirect cross-group friendships on judgments of Catholics and Protestants in Northern Ireland: The mediating role of an anxiety-reduction mechanism. Personality and Social Psychology Bulletin, 30, 770–786.

[19] Islam, M. R., & Hewstone, M. (1993). Dimensions of contact as predictors of intergroup anxiety, perceived out-group variability, and out-group attitude: An integrative model. Personality and Social Psychology Bulletin, 19, 700–710.

[20] Voci, A., & Hewstone, M. (2003). Intergroup contact and prejudice toward immigrants in Italy: The mediational role of anxiety and the moderational role of group salience. Group Processes & Intergroup Relations, 6, 37–54.

[21] Hutchison, P., & Rosenthal, H. E. S. (2011). Prejudice against Muslims: Anxiety as a mediator between intergroup contact and attitudes, perceived group variability and behavioural intentions. Ethnic and Racial Studies, 34, 40–61.

[22] Wolsko, C., Park, B., Judd, C. M., & Bachelor, J. (2003). Intergroup contact: Effects on group evaluations and perceived variability. Group Processes & Intergroup Relations, 6, 93–110.

[23] Brown, R., & Hewstone, M. (2005). An integrative theory of intergroup contact. Advances in Experimental Social Psychology, 37, 255–343.