Zivilcourage fördern – Praktische Anregungen für den Umgang mit Rassismus

Dr. Anna Halmburger1 und Prof. Dr. Anna Baumert2
1Universität Koblenz-Landau; 2Max Planck Institute for Research on Collective Goods, Bonn
Keywords Inhalt: Zivilcourage, Rassismus, Hilfsbereitschaft, Abbau von Vorurteilen
Keywords Zielgruppe: alle psycho-sozialen Unterstützer*innen, Bildungseinrichtungen

Rassismus ist immer noch ein Problem in Deutschland. Leider setzen sich wenige Menschen gegen Rassismus ein, wenn sie sich in einer Situation wiederfinden, in der rassistisch gehandelt wird. Dieser Beitrag macht konkrete Vorschläge, wie man Menschen schon früh darin schulen kann, in solche Situationen kompetent einzuschreiten. In dem Beitrag geht somit darum, wie man sich selbst zivilcouragierter verhalten kann, und was Institutionen tun können, um Zivilcourage gegen Rassismus zu fördern.

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Witze über Ausländer*innen, Benachteiligung bei Bewerbungen oder systematische Kontrollen von „andersaussehenden“ Bürger*innen durch die Polizei: Rassismus hat viele Gesichter und ist leider immer noch ein Problem in Deutschland. Rassismus meint die Zuschreibung, Stigmatisierung und Abwertung aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Abstammung, Kultur oder Religion[1] und ist laut Art. 3 Abs. 3 des Grundgesetzes verboten. Eine Studie von Zick und Kollegen (2014) zeigte, dass rassistische Gedanken und rassistisches Verhalten dennoch existieren. In dieser Studie gaben beispielsweise 18% der Befragten an, „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“ [2]. Innerhalb dieser Gruppe sehen zudem 30% Gewalt als legitimes Mittel, die eigenen Interessen durchzusetzen. Solche Einstellungen bilden die Basis für Rassismus. Rassismus wird aber auch diejenigen Personen gefördert, die ihn in ihrem privaten Umfeld oder der Öffentlichkeit dulden. Dabei ist die Mehrheit der deutschen Bevölkerung überzeugt, dass es richtig und wichtig ist, gegen Rassismus vorzugehen[3]. Nur etwa ein Drittel der Personen, die Rassismus beobachten, setzen sich jedoch auch aktiv dagegen ein[4].
Laut Expert*innen scheitert es vor allem an drei Aspekten: Der klaren Bewertung von Rassismus als Problem, der Bereitschaft jedes einzelnen, persönlich Verantwortung zu übernehmen und der Verfügbarkeit von passenden Handlungsstrategien gegen Rassismus[5]. Die folgenden Praxistipps wurden auf der Basis aktueller sozialpsychologischer Forschung und bestehender Anti-Rassismus-Trainings zusammengestellt und sollen eine Orientierung geben. Eine deutschlandweite Übersicht solcher Trainings bieten unter anderem das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e. V. [6] und Phoenix e.V.[7]

Warum ist es wichtig, frühzeitig etwas gegen Rassismus zu tun?

Werden zunächst unterschwellige rassistische Äußerungen oder Handlungen zwischen Personen geduldet, führt dies oft zu einem Klima, in dem solche Gedanken als normal und richtig gelten (slippery slope effect[5]). Die Folge ist, dass sich die Toleranzgrenze in Bezug auf Rassismus immer weiter verschiebt.
Rassismus als solchen zu benennen ist auch dann sinnvoll und wichtig, wenn niemand unmittelbar zu Schaden kommt. Zum Beispiel in Situation, in denen rassistische Parolen verbreitet werden, auch wenn keine betroffene Person anwesend ist. In solchen Situationen sendet das Tolerieren rassistischer Äußerungen ein Signal an den Täter*innen und die Beobachter*innen. Täter*innen gewinnen den Eindruck, dass entsprechende Äußerungen im sozialen Umfeld (wie der Firma oder dem Freundeskreis) oder der Gesamtgesellschaft geduldet, wenn nicht sogar erwünscht sind. Dies trägt dazu bei, dass sich rassistische Gedanken und Handlungen normalisieren.

Wie kann man Bürger*innen für Rassismus sensibilisieren?

Die Mehrheit der Deutschen lehnt Rassismus ab und sollte sich auch von entsprechenden Handlungen distanzieren[3]. Dennoch werden gerade unterschwellige rassistische Äußerungen anderer nicht immer eindeutig als solche klassifiziert. Auch eigene rassistische Einstellungen werden oft nicht erkannt. Die eigenen Einstellungen und die Einstellungen anderer kritisch zu hinterfragen ist deshalb hochrelevant. Eine zentrale Grundlage hierfür bildet ein gemeinsames Verständnis von Rassismus. Die Beschäftigung mit diesem Thema in Schulen und Ausbildungsstätten als fester Bestandteil des Lehrplans kann Kinder und Jugendliche frühzeitig auf die Problematik aufmerksam machen und für relevante Situationen und rassistische Einstellungen sensibilisieren. Ein Beispiel für ein solches Training ist das Anti-Rassismus Training von ARIC-NRW e.V. In diesem Training befassen sich die Schüler*innen mit verschiedenen Erscheinungsformen von Rassismus und reflektieren ihre eigene Haltung. Auch außerhalb von Trainings kann der offene Austausch mit Betroffenen oder Personen aus dem Umfeld der Betroffenen helfen, die eigene Einstellung zu prüfen und Situationen neu zu deuten. Diskussionsrunden in Schulen, lokalen Versammlungen oder in den Medien, bei denen Betroffene zu Wort kommen, sind unerlässlich, um es Personen zu ermöglichen, diese Perspektive zu übernehmen. So veranstaltet beispielsweise die Stadt Leipzig bereits seit 2003 die internationalen Wochen gegen Rassismus, in deren Rahmen Diskussionsrunden, Workshops, Lesungen und Filmvorführung stattfinden.

Was motiviert Personen Verantwortung zu übernehmen und gegen Rassismus vorzugehen?

Der Umgang mit Personen, die Missstände öffentlich machen, hat einen starken Einfluss darauf, ob sich auch andere Personen in Zukunft trauen werden ihre Meinung zu äußern[8]. Stößt ein Vorgehen gegen Rassismus durch andere auf Anerkennung, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass mehr Menschen dazu bereit sind. Medienberichte und Preise, aber auch die Anerkennung durch Vorgesetze und Lehrer können dabei helfen, dieses Verhalten zu bekräftigen.

In den Situationen selbst werden unsere Handlungen maßgeblich von Emotionen und dem Umgang damit beeinflusst. Ärger und Wut werden gesellschaftlich oft als nicht erwünschte Emotionen betrachtet. Im Falle von Rassismus kann Ärger jedoch sehr nützlich sein: Er fördert, dass Personen bereit sind sich einzusetzen und sollte ernst genommen werden[9]. Angst vor negativen Folgen des eigenen Vorgehens gegen Rassismus stellt hingegen ein großes Hindernis dar. In akuten Situationen ist es wichtig, andere Anwesende direkt anzusprechen und um Hilfe zu bitten. Nicht zuletzt ist die Polizei ein wichtiger Ansprechpartner bei Rassismus. In Organisationen ist es wichtig, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Rassismus nicht nur vorbeugen, sondern gleichzeitig diejenigen schützen, die sich gegen Rassismus einsetzen.

Wie kann man die Bereitschaft von Personen stärken, gegen Rassismus vorzugehen?

Menschen gehen auch dann nicht gegen Rassismus vor, wenn er ihren Einstellungen widerspricht, solange sie nicht auf Strategien und Erfahrungen zurückgreifen können. Diese lassen sich am effektivsten durch Trainings stärken[10].

Eine hilfreiche Methode ist, dass sich Menschen zunächst potentielle oder real erlebte Situationen vorstellen und die eigenen Handlungsoptionen gedanklich durchspielen (gedankliches Probehandeln[10]). Dabei sollten sowohl das gewünschte Ziel als auch mögliche Hindernisse durchdacht werden (mentale Kontrastierung[10]).

Um einen sicheren Umgang mit Rassismus zu erlangen, ist es darüber hinaus sinnvoll das konkrete Vorgehen zu üben. Nur so werden neue Verhaltensweisen sicher erlernt. Das geht im Rahmen von Trainings durch Rollenspiele, in denen das eigene Erleben, die Emotionen, Gedanken und Handlungsoptionen spürbar werden. Alternativ ist ein Üben in kleineren Alltagssituationen zur Vorbereitung sinnvoll. Zum Beispiel kann es als einfacher wahrgenommen werden kleinere Missstände im Freundes- oder Familienkreis anzusprechen, bevor man sich traut gegen rassistische Äußerungen durch Fremde vorzugehen. Weil Selbstsicherheit im Umgang mit Rassismus vor allem dann erworben wird, wenn ein Verhalten auch zum Erfolg geführt hat, sollte man sich realistische Ziele setzen. Nicht immer wird es gelingen, sein Gegenüber von seiner Haltung abzubringen. Sinnvolle Teilziele können deshalb auch der Opferschutz oder die Signalwirkung an andere Beobachter sein.
Abschließend soll hervorgehoben werden, dass das Tolerieren von rassistischen Äußerungen und Handlungen in der Gesellschaft aktiv und passiv eine Atmosphäre schafft, in der dies als normal angesehen wird. Dieser Kreislauf ist jedoch umkehrbar: Je mehr Menschen sich aktiv gegen Rassismus stark machen, desto normaler und erstrebenswerter wird dies. Die Botschaft, die wir damit an unser Umfeld senden ist dann: Rassismus ist falsch und ich möchte nicht länger dabei zusehen!

 

[1] Forum gegen Rassismus (2015). Erklärung des Forums gegen Rassismus 2015. Abrufbar unter: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2015/11/erklaerung-fgr-2015.html;jsessionid=251BE9D7C9D6E5727A2423FBA8789ACE.2_cid295?nn=3356972

[2] Zick, A. & Klein, A. (2014). Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014. Bonn: Dietz.

[3] Heitmeyer, W. (2012). Deutsche Zustände. Berlin: Suhrkamp.

[4] Wagner, U., Christ, O., & Kühnel, S. M. (2002). Diskriminierendes Verhalten. Es beginnt bei der Abwertung. In W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände (S. 110-122). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[5] Gino, F., & Bazerman, M H. (2009). When misconduct goes unnoticed: The acceptability of gradual erosion in others’ unethical behavior. Journal of Experimental Social Psychology, 45, 708-719. doi:10.1016/j.jesp.2009.03.013

[6] Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V. (IDA). Abgerufen am 16.12.2016 unter: https://www.idaev.de/recherchetools/trainingsverzeichnis/

[7] Phoenix e. V. Abgerufen am 16.12.2016 unter: http://www.phoenix-ev.org/

[8] Mesmer-Magnus, J. R. & Viswesvaran, C. (2005). Whistleblowing in Organizations: An examination of correlates of whistleblowing intentions, actions, and retaliation. Journal of Business Ethics, 62, 277-297. doi:10.1007/s10551-005-0849-1

[9] Kawakami, K., Dunn, E., Karmali, F., & Dovidio, J. F. (2009). Mispredicting affective and behavioral responses to racism. Science, 323, 276-278.

[10] Brandstätter, V. (2007). Kleine Schritte statt Heldentaten. Ein Training zur Förderung von Zivilcourage gegen Fremdenfeindlichkeit. In K. J. Jonas, M. Boos, & V. Brandstätter, Zivilcourage trainieren (S. 265-321). Göttingen: Hogrefe.

 

Diesen Artikel bitte zitieren als: Halmburger, A. & Baumert, A. (2018). Zivilcourage fördern – Praktische Anregungen für den Umgang mit Rassismus. Fachnetz Flucht, 1. Verfügbar unter http://www.fachnetzflucht.de/zivilcourage-foerdern-praktische-anregungen-fuer-den-umgang-mit-rassismus/

Veröffentlicht am 30.04.2018