Zugehörigkeit als Schutz vor Radikalisierung?

Dr. Marieke van Egmond und Julia Hegmans
FernUniversität in Hagen
Keywords Inhalt: Zugehörigkeit, Integration, Radikalisierung
Keywords Zielgruppe: Politik, Ehrenamtler*innen, gemeinnützige Organisationen

Für Menschen ist es wichtig, sich zugehörig zu fühlen. Migration kann zu einem Mangel an Zugehörigkeitsgefühl führen, was mit Unsicherheit und Gefühlen von Sinnlosigkeit einhergehen kann. Die Anbindung in extremistische Gruppen kann diese Lücken füllen. Deshalb brauchen wir Menschen und Maßnahmen, die dabei helfen, dass sich Neuankömmlinge und Alteingesessene an ihrem Aufenthaltsort zugehörig fühlen können.

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Wir alle möchten uns zugehörig fühlen, sei es zu unserer Familie, einem Freundeskreis oder einem Land. Idealerweise gehören wir sogar mehreren Gruppen oder Gemeinschaften an. Denn Zugehörigkeit ist ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis, das für unser Wohlbefinden von großer Bedeutung ist.

Dies gilt insbesondere auch für Menschen, die aus ihrem Land geflohen sind: Sie mussten durch die Flucht viele ihrer ursprünglichen Zugehörigkeitsgruppen verlassen wie das Dorf oder die Stadt, in der sie lebten, Geschwister, Eltern, Freunde und Freundinnen, usw. Sie kommen in ein neues Land, in dem sie zunächst per Definition als „Außenseiter“ gesehen werden und dadurch eine hohe Gefahr besteht, dass sie sich an den Rand der Gesellschaft gedrängt, marginalisiert fühlen.

Die sozialpsychologische Forschung hat das Gefühl von Marginalisierung als einen sehr wichtigen Schritt im Radikalisierungsprozess identifiziert. Radikalisierung ist eine Bewegung hin zur Unterstützung radikalen Verhaltens. Radikales Verhalten ist hier definiert als solche Handlungen, die anerkannten Normen oder Interessen zuwiderlaufen. Sie werden auch als „counterfinal“ gesehen, das heißt sie verfolgen ein bestimmtes Ziel (z. B. Unterstützung für den islamistischen Extremismus zu gewinnen), untergraben aber gleichzeitig andere Ziele, die den meisten Menschen wichtig sind (z. B. Gewaltverurteilung).

Für die Bedeutung von Marginalisierung in diesem Prozess gibt es zwei Ursachen: Ein Mangel an Zugehörigkeitsgefühl kann einerseits zu Verhaltensauffälligkeiten durch geringeres psychisches Wohlbefinden führen, mit direkten Auswirkungen auf der gesellschaftlichen Ebene. Andererseits fehlen mit der Zugehörigkeit oft auch Sinn und Sicherheit; dies ist besonders relevant, da extremistische Gruppen hier ansetzen. So fanden die Psychologen Baumeister und Leary[1], dass der Mangel an Zugehörigkeit beispielsweise eine Abnahme von Konzentration und Glück verursacht sowie eine höhere Anfälligkeit für geistige und körperliche Krankheiten. Darüber hinaus zeigen diese Personen ein breites Spektrum an Verhaltensproblemen bis hin zu Kriminalität und Selbstmord.

Lyons-Padilla et al.[2] belegten durch ihre Studien, dass Menschen, die sich an den Rand gedrängt fühlen, ein Gefühl von Sinn in ihrem Leben fehlt. Gerade Jugendliche, die sich zwischen den Kulturen hin- und hergerissen fühlten, berichteten über Schamgefühle sowie Gefühle von Sinn- und Aussichtslosigkeit. Sie äußerten einen allgemeinen Mangel an Bedeutung in ihrem Leben oder das Gefühl, dass sie nicht wirklich wichtig sind. Je mehr die Studienteilnehmer*innen in ihrem Selbstwertgefühl bedroht wurden, desto mehr äußerten sie Unterstützung für Radikalismus.

Auf Menschen, die sich bereits fühlen, als ob sie nicht dazu gehören, haben auch Diskriminierungserfahrungen besonders großen Einfluss. Die Erfahrung von Diskriminierung durch die Gesellschaft erhöht in diesem Fall die Wahrscheinlichkeit, radikale Einstellungen zu entwickeln. Einstellungen führen nicht in jedem Fall zu entsprechendem Verhalten, können es jedoch begünstigen. In der Studie von Lyons-Padilla et al. waren die negativen Auswirkungen von Diskriminierung und Ausgrenzung am schädlichsten für diejenigen Teilnehmer*innen, die sich bereits kulturell heimatlos fühlten.

Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit Kruglanskis Radikalisierungstheorie[3], die besagt, dass Terrorist*innen nach einem Weg suchen, um Sinn in ihrem Leben zu finden. Wenn Menschen einen Verlust an persönlicher Bedeutung erleben – zum Beispiel, weil sie gedemütigt oder respektlos behandelt werden – versuchen sie, diesen Mangel auf anderem Wege zu kompensieren.

Extremistische Gruppen kennen diese psychologischen Mechanismen und versuchen, diesen kulturell ‚obdachlosen’ Menschen ein Gefühl der Sicherheit, Sinn und Struktur zu versprechen[4]. Dies bedeutet also auch, dass die Anziehungskraft radikaler Gruppen abnehmen kann, wenn diese Bedürfnisse im gesellschaftlichen Alltag befriedigt werden, indem beispielsweise keine Ausgrenzung oder Diskriminierung erlebt werden, wohl aber die Freiheit, Gepflogenheiten aus der Ursprungskultur beizubehalten.

Diese Ergebnisse spiegeln die Bedeutung von Zugehörigkeit nicht nur für Migrant*innen, sondern für die Gesellschaft als Ganzes wider: Ausgrenzung kann die Radikalisierungsbereitschaft erhöhen. Die psychologische Forschung, die hier präsentiert wurde, betrachtet allerdings nur die Einstellung gegenüber radikalen Haltungen. Wir können keine Aussagen darüber machen, mit welcher Wahrscheinlichkeit Menschen tatsächlich gewalttätiges Verhalten zeigen werden. Bei der Entwicklung solchen Verhaltens spielen viele andere Faktoren eine Rolle; wir können daher nicht folgern, dass alle Menschen, denen Zugehörigkeitsgefühl fehlt, Terroristen werden.

Eine fremdenfeindliche oder anti-islamische Stimmung trägt jedoch, wie beschrieben, zu einer erhöhten Radikalisierungsbereitschaft bei und ist daher zutiefst kontraproduktiv. Stattdessen brauchen wir Menschen und Maßnahmen, die dabei helfen, dass Neuankömmlinge und Alteingesessene an ihrem Aufenthaltsort nicht nur in Sicherheit leben können, sondern sich auch zugehörig fühlen – in ihrer Nachbarschaft, der Schule, der Stadt oder dem Fußballverein.

 

[1] Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497-529.

[2] Lyons-Padilla, S., Gelfand, M. J., Mirahmadi, H., Farooq, M., & van Egmond, M. (2015). Belonging nowhere: Marginalization & radicalization risk among Muslim immigrants. Behavioral Science & Policy, 1(2), 1-12

[3] Kruglanski, A. W., Gelfand, M. J., Bélanger, J. J., Sheveland, A., Hetiarachchi, M., & Gunaratna, R. (2014). The psychology of radicalization and deradicalization: How significance quest impacts violent extremism. Political Psychology, 35(1), 69-93.

[4] Dugas, M., & Kruglanski, A. W. (2014). The quest for significance model of radicalization: Implications for the management of terrorist detainees. Behavioral sciences & the law, 32(3), 423-439.