Do‘s and Don’ts bei Unterstützung von Geflüchteten: Wie man Autonomie und soziale Beziehungen fördern kann.

Personen, die neu in Deutschland ankommen, stehen häufig vor Aufgaben, die sie nicht ohne Unterstützung bewältigen können. Einige dieser Aufgaben sind wiederkehrend, andere einmalig. Doch wie helfe ich eine Person richtig, wenn sie eine Aufgabe (noch) nicht alleine bewältigen kann? Am Beispiel einer Antragsstellung für die Teilnahme an einem Sprachkurs kann man verschiedene Grundsätze für „richtige“ Unterstützung ableiten. Würden Sie den Antrag eher für die Person ausfüllen oder würden Sie der Person erklären, wie das Ausfüllen von Anträgen funktioniert? Wovon würden Sie Ihre Entscheidung abhängig machen? Welche Konsequenzen könnte Ihre Unterstützung für die hilfesuchende Person haben?

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Der Alltag von Geflüchteten und anderen ankommenden Migrant*innen beinhaltet viele neue Begebenheiten und Aufgaben, bei denen Unterstützung durch Muttersprachler*innen oder Personen, die das System und die Regeln kennen, hilfreich ist. Dazu gehören zum Beispiel die Suche nach einem Kinderbetreuungsplatz, die Teilnahme an einem Sprachkurs, das Verfassen von Bewerbungen, das Ausfüllen verschiedener Anträge etc.

Die „richtige“ Unterstützung anzubieten ist von zentraler Bedeutung für die Förderung von Integration und Teilhabe von Geflüchteten, denn sie kann unterschiedlichen psychologischen Grundbedürfnissen von Hilfeempfänger*innen gerecht werden.[1] Unterstützung kann das Bedürfnis nach Zugehörigkeit befriedigen, beispielsweise dadurch dass dieselben Personen Geflüchtete wiederholt bei ähnlichen Aufgaben unterstützen und beide so eine Beziehung zueinander aufbauen.[2] Das Gefühl von Zugehörigkeit stellt den „psychologischen Klebstoff“ dar, der ein harmonisches Zusammenleben auch in größeren Gemeinschaften ermöglicht.[3] Andererseits kann Unterstützung auch das Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Eigenständigkeit (Autonomie) befriedigen.[4] Beispielsweise kann eine Unterstützung Geflüchtete darin befähigen, ähnliche Aufgaben in Zukunft alleine zu erledigen.

Grundsätzlich ist Unterstützung ein dynamischer Prozess. In einigen Hilfe-Situationen stehen das Bedürfnis von Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach Unabhängigkeit im Widerspruch[1], z.B. wenn eine Person eine Aufgabe eigenständig lösen könnte, dies aber gleichzeitig bedeutet, dass sie weniger Kontakt zur helfenden Person hätte. Diese Tatsache kann dazu führen, dass Geflüchtete nach Unterstützung fragen, obwohl sie die Aufgabe selbst lösen könnten, oder auf bestimmte Arten von Unterstützung ablehnend reagieren. Deshalb ist es wichtig, dass sich Helfende folgende Fragen zu stellen: Wie sieht meine Unterstützung aus? Welches Bedürfnis der*des Hilfeempfängers*in kann bzw. soll befriedigt werden? Kann meine Unterstützung auch negative Auswirkungen haben? Denn in Abhängigkeit davon, wie Sie Geflüchtete in neuen Aufgaben unterstützen, steigt oder sinkt die Bereitschaft der Empfänger*innen zukünftig Unterstützung zu suchen bzw. entgegenzunehmen.[1],[5]

Um diese Fragen zu beantworten, erfolgt zunächst ein Überblick über unterschiedliche Arten von Unterstützung und deren psychologische Auswirkung auf Empfänger*innen. Darauf aufbauend werden konkrete Hinweise zur Unterstützung von Geflüchteten bei neuen Aufgaben gegeben.

Verschiedenen Arten von Hilfeverhalten

In der psychologischen Literatur wird zwischen verschiedenen Arten der Hilfe (Unterstützung) unterschieden.[1],[5] Um diese Unterscheidung zu verdeutlichen, stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor: Ein*e Geflüchtete*r benötigt Unterstützung beim Ausfüllen eines Formulars, um einen Sprachkurs zu beantragen. Dabei können Geflüchtete unterschiedliche Probleme haben, z.B. sprachliches Verständnis oder Abläufe in Behörden. Sie werden gefragt, ob Sie beim Ausfüllen behilflich sein können und entscheiden sich zu helfen. Wie würde Ihre Unterstützung genau aussehen? Würden Sie das Formular für die Person ausfüllen oder würden Sie der Person erklären, wie das Ausfüllen von diesem und ähnlichen Formularen funktioniert?

Füllen den Antrag für die andere Person aus und geben ihr das Formular zurück ist das ein Beispiel für abhängigkeitsorientierte Hilfe. Abhängigkeitsorientierte Hilfe ist dadurch gekennzeichnet, dass Hilfesuchende nur die Lösung für eine Aufgabe bekommen. Dies führt dazu, dass hilfesuchende Personen von Helfenden abhängig werden und ähnliche Aufgaben auch in Zukunft nicht selbst meistern können. Autonomieorientierte Hilfe hingegen bedeutet, dass Sie einer Person erklären, wie sie selbst zur Lösung gelangt (z.B. wie das Formular ausgefüllt wird). Dadurch vermitteln Sie Fähigkeiten, die die Person braucht, um ähnliche Aufgaben zukünftig eigenständig zu lösen.

Gründe und Auswirkung von unterschiedlichem Hilfeverhalten

Wenn bei Hilfeempfänger*innen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft besonders wichtig ist, sind sie vor allem für abhängigkeitsorientierte Unterstützung empfänglich. Abhängigkeitsorientierte Unterstützung führt dazu, dass die Person, die Unterstützung erhält, sich gut fühlt und die Beziehung zwischen Empfänger*in und Unterstützer*in als angenehm wahrnimmt. Steht hingegen das Bedürfnis nach Unabhängigkeit im Vordergrund, bevorzugen Menschen autonomieorientierte Unterstützung.[1]

Zusätzlich hat die psychologische Forschung gezeigt, dass der Selbstwert von Personen sinkt, wenn sie abhängigkeitsorientierte Hilfe erhalten, bzw. steigt, wenn sie autonomieorientierte Hilfe erhalten.[6] Die Auswirkungen der Art des Hilfeverhaltens auf den Selbstwert sind umso größer, wenn das Bewältigen einer Aufgabe für die Person besonders wichtig ist und sie diese selbst lösen möchte[7], bzw. wenn andere Personen beobachten, wie sie Unterstützung erhält.[1]

Fallstricke beim Hilfeverhalten

Stellen Sie sich vor, zwei Geflüchtete benötigen unabhängig voneinander Unterstützung beim Stellen eines Antrags. Beide müssen denselben Antrag ausfüllen und haben noch genügend Zeit bis zur Einreichfrist. Bei Ihrem ersten Treffen erfahren Sie, dass der*die erst*e Geflüchtete*r einen Mittelschulabschluss hat, während die*der zweite einen Hochschulabschluss hat. Würden Sie den beiden die gleiche Art der Unterstützung zukommen lassen? Oder würden Sie der Person mit Pflichtschulabschluss eher den Antrag ausfüllen und jener mit Hochschulabschluss erklären, wie das Ausfüllen funktioniert?

Sozialpsychologische Studien haben gezeigt, dass Personen dazu tendieren, Menschen mit höherem Bildungsabschluss autonomieorientiert zu unterstützen, während sie jene mit niedrigerem Bildungsabschluss eher abhängigkeitsorientiert unterstützen. Eine ähnliche Auswirkung hat der Wohnort einer hilfesuchenden Person. Personen, die in „besseren/reicheren“ Gegenden wohnen, erhalten mehr autonomieorientierte Unterstützung. Jene, die in einer „schlechteren/ärmeren“ Gegend wohnen, erhalten mehr abhängigkeitsorientierte Unterstützung. Dies ist vor allem dadurch bedingt, dass Personen anderen mit einem höheren Bildungsabschluss bzw. jenen, die aus „besseren/reicheren“ Gegenden kommen, auch bessere Fähigkeiten zuschreiben.[8]

Wenn Menschen unterschiedliche Unterstützung erfahren, kann daraus resultieren, dass soziale Ungleichheiten aufrechterhalten werden bzw. sogar noch verstärkt werden, vor allem im Vergleich zur helfenden Person. Durch autonomieorientierte Unterstützung können Menschen, die zuvor schon einen Vorteil gegenüber anderen haben (z.B. durch einen höheren Bildungsabschluss), ihren Vorteil noch weiter ausbauen. Jene hingegen, die abhängigkeitsorientierte Unterstützung erhalten, geraten weiter ins Hintertreffen, da sie sich keine weiteren Fähigkeiten aneignen können. Zudem tendieren Menschen, die andere eher bevormunden, dazu, Geflüchteten abhängigkeitsorientierte Unterstützung zukommen zu lassen.[9] Das verstärkt die soziale Ungleichheit Helfenden und Hilfeempfänger*innen noch weiter. Doch wie soll dieses Wissen in der Praxis umgesetzt werden?

Empfehlungen für die Praxis

Es kann hilfreich sein, die Personen, die Unterstützung benötigen oder möchten, zu fragen, welche Erwartung sie haben und wie wichtig es ihnen ist zu lernen, wie sie die Aufgabe selbständig lösen können.

Möchte eine Person beispielsweise ein Formular ausfüllen und das zukünftig auch alleine erledigen, ist es sinnvoll, wenn Sie der Person erklären, wie sie das Formular selbstständig ausfüllen kann. Sie können auch gemeinsam eine Ausfüllhilfe erstellen. Allerdings kann es vorkommen, dass die Zeit knapp ist oder Sie nicht die Ressourcen haben, um eine ausführliche Erklärung zu geben. In solchen Fällen können Sie das Formular für die Person ausfüllen und mit Person zusätzlich darüber sprechen, warum Sie ihr momentan keine andere Unterstützung geben können. Das ist insbesondere von Bedeutung, wenn es sich um wiederkehrende Aufgaben handelt.

Äußert Ihr Gegenüber jedoch den Wunsch, dass eine Aufgabe schnell erledigt werden soll, wird die Person mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit damit zufrieden sein, wenn Sie die Aufgabe übernehmen. Dies gilt insbesondere für einmalige Aufgaben, da diese eine geringere Auswirkung auf den Selbstwert der hilfesuchenden Person hat.[1] Bei wiederkehrenden Aufgaben können Sie die Person darauf hinweisen, dass die Fähigkeit, diese selbst zu erledigen, in Zukunft nützlich sein kann. Um zusätzlich dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit gerecht zu werden, können Sie der Person auch anbieten, auch in Zukunft einen Blick auf die von ihr erledigte Aufgabe zu werfen. In enger Absprache mit den Hilfesuchenden kann Ihre Unterstützung also die Bedürfnisse von Geflüchteten nach Zugehörigkeit und Selbstständigkeit bestmöglich befriedigen.

 

Auf einen Blick
 
• Übernehmen Sie nicht einfach die Aufgabe einer anderen Person.
• Eine Aufgabe zu übernehmen und einen nachhaltigen Lösungsweg zu zeigen, können wichtige Bedürfnisse bei Hilfesuchenden erfüllen.
• Fragen Sie, wie wichtig es der Person ist, die Aufgabe selbst zu lösen und ob und wie Geflüchtete Unterstützung bei einer Aufgabe erhalten möchten.
• Beachten Sie dabei, ob eine Aufgabe einmalig ist oder ob die Aufgabe in ähnlicher Form wieder gelöst werden muss.

 

Literatur

[1] Nadler, A. (2015). The Other Side of Helping. In D.A, Schroeder & W.G. Graziano (Eds.), The Oxford Handbook of Prosocial Behavior. (pp. 307–328). Oxford, UK: University Press. https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780195399813.013.004

[2] Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529. https://doi.org/10.1037/0033-2909.117.3.497

[3] Reicher, S., & Haslam, S. A. (2009). Beyond help: A social psychology of collective solidarity and social cohesion. In S. Stürmer & M. Snyder (Eds.), The psychology of prosocial behavior: Group processes, intergroup relations, and helping (pp. 289–309). Oxford, UK: Wiley-Blackwell. https://doi.org/10.1002/9781444307948.ch15

[4] Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68

[5] van Leeuwen E. (2017) The SOUTH Model: On the Pros and Cons of Strategic Outgroup Helping. In: van Leeuwen E., Zagefka H. (eds) Intergroup Helping (pp. 131-158). Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-319-53026-0_7

[6] Halabi, S., & Nadler, A. (2010). Receiving help: Consequences for the recipient. In S. Sturmer & M. Snyder (eds.) The psychology of prosocial behavior: Group processes, intergroup relations and helping (pp. 121–138). Hoboken, N.J.: Wiley-Blackwell. https://doi.org/10.1002/9781444307948.ch6

[7] Nadler, A., & Fisher, J. D. (1986). The role of threat to self-esteem and perceived control in recipient reactions to aid: Theory development and empirical validation. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in experimental social psychology (Vol. 19, pp. 81–124). New York: Academic Press. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(08)60213-0

[8] Nadler, A. & Chernyak-Hai, L. (2014). Helping them stay where they are: Status effects on dependency-autonomy oriented helping, Journal of Personality and Social Psychology, 106(1), 58–72. https://doi.org/10.1037/a0034152

[9] Becker, J. C., Ksenofontov, I., Siem, B., & Love, A. (2019). Antecedents and consequences of autonomy- and dependency-oriented help toward refugees. European Journal of Social Psychology, 49(4), 831–838. https://doi.org/10.1002/ejsp.2554

 

Bitte zitieren als: Urschler, David F. (2021). Dos and Don’ts bei Unterstützung von Geflüchteten: Wie man Autonomie und soziale Beziehungen fördern kann. Online abrufbar unter https://www.fachnetzflucht.de/dos-and-donts-bei-unterstuetzung-von-gefluechteten-wie-man-autonomie-und-soziale-beziehungen-foerdern-kann/