Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, welche gesellschaftlichen Konsequenzen sich ergeben, wenn die Nützlichkeit von Zuwanderung betont wird. Der Beitrag diskutiert die potenziellen Risiken einer nutzenorientierten Argumentation. Nutzenorientierte Argumente betonen wirtschaftliche, organisatorische und gesellschaftliche Vorteile von Zuwanderung und Vielfalt. Sie dominieren öffentliche Debatten und oft auch das Diversitäts-Management innerhalb von Organisationen. Diese Argumente bergen gewisse Risiken: Wenn der erwartete Nutzen ausbleibt oder nicht sichtbar ist, können Vorurteile gegenüber Menschen mit Einwanderungsgeschichte stabil bleiben oder sogar zunehmen. Zudem fühlen sich Betroffene häufiger unter Leistungsdruck, weniger zugehörig und in ihrem Wohlbefinden beeinträchtigt. Als Alternativen zu einer rein nutzenbezogenen Argumentation bieten sich normalisierende, moralische und identitätsbezogene Ansätze an. Besonders wirkungsvoll könnten Botschaften sein, die Menschen mit Einwanderungsgeschichte als selbstverständlichen Teil der Gemeinschaft darstellen.
“Ich hab‘ noch nie erlebt, dass Kumpels von mir, die Jens heißen, irgendwie ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen müssen.“
(İmran Ayata, 25.04.2025)
Der deutsche Schriftsteller und Campaigner İmran Ayata spielt mit seinem im Podcast „Apokalypse und Filterkaffee“ geäußerten Zitat darauf an, dass Personen mit einem „deutsch-klingenden“ Namen ihre wirtschaftliche oder gesellschaftliche Nützlichkeit nicht unter Beweis stellen müssen. Sie entsprechenden der gesellschaftlichen Vorstellung von Deutschen, werden bedingungslos akzeptiert. Die Frage nach der Zugehörigkeit zur Gesellschaft wird erst gar nicht diskutiert. Er impliziert dabei auch, dass es bei Personen, denen eine Migrationsgeschichte zugeschrieben wird, anders ist: Sie müssen häufig belegen, dass sie ein Gewinn für die Gesellschaft, die Wirtschaft oder für konkrete Organisationen sind. In der Tat sind gesellschaftliche Debatten über Zuwanderung häufig davon geprägt, dass über den Nutzen von Migration diskutiert wird. Befürworter*innen von Zuwanderung versuchen durch die Betonung des Nutzens, sich gegen anti-migrantische Haltungen zu positionieren. Sie verweisen bspw. darauf, dass der in Deutschland existierende Fachkräftemangel nur durch Migration in den Griff zu bekommen ist, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte Arbeitsplätze schaffen, durch andere Perspektiven Entscheidungsfindungen in Unternehmen verbessern oder dass der Kontakt mit Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen interessante Lernerfahrungen mit sich bringen kann.
Diese Argumente sind oft gut gemeint, bspw. als Apell für eine offene Gesellschaft. Trotzdem können sie unter Umständen negative Konsequenzen nach sich ziehen. Zum einen können sie dazu führen, dass sich Vorurteile gegenüber Personen verfestigen, die keinen offensichtlich wahrnehmbaren Nutzen mit sich bringen.1 Zum anderen können sie auch auslösen, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte mehr Leistungsdruck ausgesetzt sind und sich weniger in der Gesellschaft zugehörig fühlen als Menschen ohne Einwanderungsgeschichte.2
Mögliche Konsequenzen nutzenbezogener Wertschätzung von Vielfalt
Nicht nur in öffentlichen Debatten wird oft der Nutzen von Zuwanderung betont. Studien zeigen, dass auch in Diversitäts-Statements auf den Webseiten von Unternehmen und Universitäten häufig über den Nutzen von Vielfalt argumentiert wird und weniger häufig moralische Argumente für die Förderung von Vielfalt zu lesen sind.2 Man könnte annehmen, dass jede Argumentation, auch diejenige, die den Nutzen von Zuwanderung und Diversität hervorhebt („Zuwanderung ist gut, weil sie einen Nutzen hat“), Vorurteile und rassistische Annahmen abbaut. An dieser Annahme gibt es aber berechtigte Kritik: Denn wenn Zuwanderung und Vielfalt nur als Mittel zum Zweck dienen, kann das die Abwertung von benachteiligten Gruppen wie Menschen mit Einwanderungsgeschichte rechtfertigen. Sobald der gesellschaftliche Beitrag von Menschen mit Einwanderungsgeschichte als „nicht nützlich“ wahrgenommen wird, kann auch die Akzeptanz als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft schwinden.1 Ergebnisse von Kauff und Kolleg*innen3 deuten darauf hin, dass ein Fokus auf den potenziellen Nutzen von ethnischer Vielfalt zu einer Verfestigung von rassistischen Vorurteilen führen kann. Vorurteile von Versuchsteilnehmer*innen gegenüber Menschen mit Einwanderungsgeschichte konnten durch Interaktionen miteinander nicht wie sonst abgebaut werden, wenn der Nutzen ausblieb. Wenn also die Erwartung an den Nutzen enttäuscht wird, bleiben Vorurteile stabil oder steigen sogar an.
Welche Auswirkungen haben nutzenorientierte Statements für marginalisierte Personen wie Menschen mit Einwanderungsgeschichte? Georgeac und Rattan2 zeigen, dass Diversitäts-Statements, die den Nutzen von Vielfalt für Organisationen in den Vordergrund stellen, dazu führen, dass sich Personen aus marginalisierten Gruppen bedroht fühlen und sich Organisationen weniger zugehörig fühlen. Starck und Kolleg*innen4 demonstrieren, dass nutzenorientierte Statements im US-Amerikanischen universitären Kontext von Schwarzen Studierenden abgelehnt werden und dazu führen können, dass Schwarze Studierende schlechtere Leistungen im Vergleich zu weißen Studierenden zeigen. In unserer eigenen Arbeit argumentieren wir, dass nutzenorientierte Argumente für ethnische Vielfalt und Zuwanderung zudem das Selbstwertgefühl und das Wohlbefinden von Menschen mit Einwanderungsgeschichte reduzieren können.
Wie können Argumente für Zuwanderung aussehen?
Es lässt sich festhalten, dass nutzenorientiere Argumente für Zuwanderung kein Allheilmittel sind: Sie helfen nicht zwangsläufig beim Abbau von Vorurteilen und können Zugehörigkeitsgefühle und das Wohlbefinden von Menschen mit Einwanderungsgeschichte gefährden – insbesondere dann, wenn der Nutzen von Zuwanderung nicht direkt wahrnehmbar ist. Appelle, den Nutzen von Zuwanderung zu berücksichtigen, mögen zwar kurzfristig helfen. Sie könnten Einstellungen gegenüber Zuwanderung und Menschen mit Einwanderungsgeschichte bei bestimmten Personengruppen in speziellen Kontexten kurzfristig verbessern (z.B. um die Akzeptanz für neuangestellte Personen mit Migrationsgeschichte in einer bestehenden Belegschaft zu fördern). In anderen Kontexten kann die Betonung des Nutzens aber auch die Ausgrenzungserfahrung von marginalisierten Gruppen verstärken und langfristig zu einer stärkeren Polarisierung innerhalb der Gesellschaft beitragen. Deswegen sprechen wir uns dafür aus, solche Argumente vorsichtig einzusetzen und deren Risiken zu bedenken.
Welche Alternativen zum Nutzen-Argument gibt es? Vorstellbar ist, dass Migration als „normal“ dargestellt wird, als etwas, das es immer schon gab.5 Reicher6 nennt zudem neben Kosten-Nutzen-Abwägungen zwei weitere Arten von Argumenten, die zu mehr Solidarität innerhalb einer Gesellschaft führen können: moralische Argumente und identitätsbezogene Argumente. Auch moralische Argumente können jedoch kritisch gesehen werden. Stark moralische Argumente („Es ist unsere Verantwortung, Geflüchteten zu helfen“) können Reaktanz auslösen, also eine Gegenwehr gegen diese Haltung. Damit werden weder rassistische Vorurteile aufgelöst noch eine stärkere Solidarität innerhalb einer diversen Gesellschaft gefördert. Identitätsbezogene Argumente, die Menschen mit Einwanderungsgeschichte als Teil der eigenen gesellschaftlichen Gruppe, der eigenen Gruppe darstellen, sind aus der Sicht vieler Wissenschaftler*innen effektiver.7 Zohran Mamdani, der zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Beitrags gerade neu gewählte Bürgermeister von New York, nutzt beispielsweise identitätsbezogene Argumente. Er verweist darauf, dass New York eine Stadt ist, die Migrant*innen gehört und von Migrant*innen aufgebaut wurde. Damit betreibt er eine Form der Identitätsgestaltung, in dessen Rahmen deutlich wird: Migration ist Teil unserer Identität. Dies kann dabei helfen, mehr Akzeptanz gegenüber Diversität aufzubauen, aber vor allem Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu vermitteln, dass sie unbedingt zu der Gesellschaft dazugehören.
Optimal ist vermutlich ein Mix aus Argumenten, der nutzenbezogene, normalisierende, moralische und identitätsbezogene Argumente vereint. Zu solch gearteter Kommunikation gibt es leider bisher nur wenig Forschung. Fest steht aber: Vorsichtig bei der Argumentation über Nützlichkeit alleine!
Auf einen Blick
• Nutzenorientiere Argumente für Zuwanderung („Zuwanderung ist gut, weil sie einen Nutzen hat“) sind riskant.
• Wenn der Nutzen ausbleibt oder nicht direkt wahrnehmbar ist, bleiben Vorurteile bestehen.
• Nutzenorientiere Argumente gefährden zudem das Wohlbefinden und Zugehörigkeitsgefühle von Menschen mit Einwanderungsgeschichte.
Literatur
1 Tomlinson, F., & Schwabenland, C. (2010). Reconciling competing discourses of diversity? The UK non-profit sector between social justice and the business case. Organization, 17(1), 101–121. https://doi.org/10.1177/1350508409350237
2 Georgeac, O. A. M., & Rattan, A. (2023). The business case for diversity backfires: Detrimental effects of organizations’ instrumental diversity rhetoric for underrepresented group members’ sense of belonging. Journal of Personality and Social Psychology, 124(1), 69–108. https://doi.org/10.1037/pspi0000394
3 Kauff, M., Schmid, K., & Christ, O. (2020). When good for business is not good enough: Effects of pro-diversity beliefs and instrumentality of diversity on intergroup attitudes. PLOS ONE, 15(6), e0234179. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0234179
4 Starck, J. G., Sinclair, S., & Shelton, J. N. (2021). How university diversity rationales inform student preferences and outcomes. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(16), e2013833118. https://doi.org/10.1073/pnas.2013833118
5 Masselmann, J., Hildebrand, K., & Becker, J. C. (2025, 14. September). Introduction of a psychological framework conceptualizing social deconstruction as a diversity ideology [Presentation]. Treffen der Fachgruppe Sozialpsychologie, Bochum.
6 Reicher, S., Cassidy, C., Wolpert, I., Hopkins, N., & Levine, M. (2006). Saving Bulgaria’s Jews: An analysis of social identity and the mobilisation of social solidarity. European Journal of Social Psychology, 36(1), 49–72. https://doi.org/10.1002/ejsp.291
7 Guerra, R., Rodrigues, D., Gaertner, S. L., Deegan, M., & Antonio, R. (2016). The functional and identity indispensability scale (FIIS). International Journal of Intercultural Relations, 54, 34-46. https://doi.org/10.1016/j.ijintrel.2016.07.001
Bitte zitieren als: Kauff, Mathias & Kroll, Esther. (2026). Welche Folgen hat es, den Nutzen von Zuwanderung darzustellen? Magazin des Fachnetzwerks Sozialpsychologie zu Flucht und Integration. Online abrufbar unter https://www.fachnetzflucht.de/nutzen-von-zuwanderung/
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